Minderheitensprachen im digitalen Raum: NKS-Jahrestagung in Fryslân diskutiert Sichtbarkeit, KI und Zukunft kleiner Sprachen
12.07.2026„Eine Sprache lebt, wenn Menschen sie benutzen.“ Mit diesem Gedanken brachte FUEN-Vizepräsident und Sprecher der FUEN-Arbeitsgemeinschaft Non-Kin-State (NKS), Bahne Bahnsen, die inhaltliche Debatte der 10. NKS-Jahrestagung auf den Punkt. Vom 2. bis 5. Juli kamen in Ljouwert/Leeuwarden in Fryslân/Friesland (Niederlande) rund 20 Vertreterinnen und Vertreter nationaler Minderheiten ohne Mutterstaat zusammen, um über gemeinsame Herausforderungen, aktuelle Entwicklungen und die digitale Zukunft kleiner Sprachen zu diskutieren.


Gastgeber der Tagung war De Fryske Beweging, die friesische FUEN-Mitgliedsorganisation, die sich für die Förderung der westfriesischen Sprache und Kultur einsetzt. Die Tagung fand im Tresoar statt, dem friesischen historischen und literarischen Zentrum in Leeuwarden. Im Mittelpunkt stand das Thema „Die digitale Präsenz von Minderheitensprachen“: Wie können kleine Sprachen in Apps, Medien, Verwaltung, Bildung, künstlicher Intelligenz und im Alltag junger Menschen sichtbar und nutzbar bleiben?


Zur offiziellen Eröffnung sprachen neben Bahne Bahnsen auch Sjirk Eildert Bruinsma, Vorsitzender von De Fryske Beweging, FUEN-Präsidentin Olívia Schubert per Videobotschaft, Froukje de Jong vom Steatekomitee Frysk, dem Ausschuss für die friesische Sprache der Provinz Fryslân, sowie Gerda Bos, Stadträtin in Noardeast-Fryslân. In der ersten Arbeitssitzung stellte Pieter de Zwart die Arbeit von De Fryske Beweging vor, anschließend gab der Wissenschaftler John Frederiksen eine Einführung zu den Friesen.



In ihrer Begrüßungsrede verwies Froukje de Jong auf die besondere sprachpolitische Situation in Fryslân. Sie betonte, dass im Steatekomitee Frysk alle politischen Parteien gemeinsam für die friesische Sprache arbeiten. „Wir brauchen eine Stimme in Brüssel statt mehrerer Stimmen, um dorthin zu kommen, wo wir hinwollen“, sagte sie mit Blick auf die europäische Zusammenarbeit für Minderheitensprachen. Zugleich verwies sie auf das Ziel einer vollständig zweisprachigen Provinz bis 2051.


Auch FUEN-Präsidentin Olívia Schubert stellte in ihrer Videobotschaft den europäischen Rahmen der Tagung heraus. Die Arbeitsgemeinschaft Non-Kin-State verbinde seit zehn Jahren Gemeinschaften, die oft weit voneinander entfernt seien, aber ähnliche Fragen teilen. Neue Technologien brächten Herausforderungen, aber auch Chancen: Minderheitensprachen müssten nicht nur in Schulen und Kulturinstitutionen vorkommen, sondern auch in moderner Kommunikation und im Alltag präsent sein.

Bahne Bahnsen knüpfte in seiner Eröffnungsrede an seine eigene nordfriesische Erfahrung an. Fryslân sei ein besonderer Ort, weil hier sichtbar werde, dass eine Minderheitensprache öffentlichen Raum, Selbstbewusstsein und Alltag haben könne. Zugleich erinnerte er an die lange friesische Tradition von Freiheit und Selbstverwaltung. Dieser Gedanke erhielt am Wochenende des 4. Juli, im Jahr des 250. Jubiläums der amerikanischen Unabhängigkeit, eine besondere historische Resonanz. Mit Blick auf künstliche Intelligenz betonte Bahnsen: Technologie könne Arbeit erleichtern, aber keine Gemeinschaft ersetzen.

Wie vielfältig digitale Sichtbarkeit gedacht werden muss, wurde bereits in der ersten thematischen Arbeitssitzung deutlich. Am Beispiel von „Frysker“, vorgestellt von Hindrik Sijens von der Fryske Akademy, ging es um digitale Schreibwerkzeuge für die friesische Sprachgemeinschaft. Mozilla Common Voice, präsentiert von Wim Benes, zeigte die Bedeutung freier und offener Sprachdatensätze für kleinere Sprachen. Jeroen Zandberg lenkte den Blick auf den Gebrauch des Friesischen in der Kommunal- und Regionalverwaltung, während Ignacio Pérez Prat von der FUEN-Mitgliedsorganisation Lia Rumantscha online Einblicke in digitale Werkzeuge und Strategien für das Rätoromanische gab.




Im zweiten Teil rückte die Frage in den Vordergrund, wie Minderheitensprachen junge Menschen erreichen und im Alltag genutzt werden können. Die Jugendinitiative YungFrysk, vorgestellt von Welmoed Sjoerdstra, machte deutlich, wie junge Menschen für friesische Sprache und Kultur erreicht werden können. Mit der Taallear-App präsentierte Sita Postma von Afûk, der Allgemeinen Friesischen Bildungskommission, die Bildungsangebote und Materialien für die friesische Sprache entwickelt, ein neues KI-basiertes Werkzeug zum Friesischlernen. Ergänzt wurde der Blick auf den digitalen Alltag durch Sven Nagel vom regionalen Sender Omrop Fryslân, der über Friesisch in Radio, Fernsehen und digitalen Medien sprach, sowie durch Henk Wolf, der die digitalen Anforderungen für die Revitalisierung des West- und Saterfriesischen thematisierte.


Neben den öffentlichen Arbeitssitzungen diente die Jahrestagung auch der internen Abstimmung der NKS-Mitgliedsorganisationen. Die angereisten Vertreterinnen und Vertreter sprachen über die aktuelle Lage ihrer Gemeinschaften, Herausforderungen vor Ort, laufende Projekte und die künftige Ausrichtung der Arbeitsgemeinschaft innerhalb der FUEN.





Das Rahmenprogramm führte die Teilnehmenden tiefer in die friesische Geschichte, Kultur und Landschaft. Neben einer Stadtführung durch Leeuwarden besuchten sie das Freilichtmuseum De Sûkerei in Damwâld sowie die Seedeiche bei Wierum am Wattenmeer.





Die FUEN dankt den Gastgebern von De Fryske Beweging für die Vorbereitung der Tagung, die Unterstützung vor Ort und ihre Gastfreundschaft. Die nächste Zusammenkunft der FUEN-Arbeitsgemeinschaft Non-Kin-State ist im Rahmen des FUEN-Kongresses 2026 geplant.

Die Fotogalerie zur 10. NKS-Jahrestagung finden Sie HIER.
Hintergrund: Die FUEN-Arbeitsgemeinschaft Non-Kin-State
Die Arbeitsgemeinschaft Non-Kin-State wurde 2017 von der FUEN ins Leben gerufen, um Minderheiten ohne Mutterstaat die Möglichkeit zu geben, ihre spezifischen Anliegen und Herausforderungen zu diskutieren, Lösungen zu finden und gemeinsame Strategien für den Erhalt ihrer kleinen Sprachen und Kulturen zu entwickeln. Aktuell gehören ihr 43 Organisationen aus 19 verschiedenen Ländern an. Ihr Sprecher ist FUEN-Vizepräsident Bahne Bahnsen.
Webseite der Arbeitsgemeinschaft: nks.fuen.org

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